Marokko 2019

Zagora – das Mekka der Kfz-Werkstätten

Nach unserer ersten Wüstentour entlang des Erg Chegaga und des Lake Iriki fuhren wir nach Zagora, um auf einem Campingplatz unsere Offroad-Wunden zu lecken. Zagora ist „das“ Tor zur Wüste für die meisten Offroad-Touristen. Die meisten sind jedoch mit leichten 4×4 Fahrzeugen wie Landcruiser, Landrover etc. unterwegs. Das Fahren steht hier im Vordergrund und nicht das Wohnen, wie bei uns.

In Zagora gibt es eine Vielzahl an Offroad-Werkstätten, die kleinere und auch größere Schäden richten. Es gibt sogar eine „Werkstattmeile“, an der sich Werkstatt an Werkstatt reihen. Es gibt so viele davon, dass diese sich etwas einfallen lassen müssen, um an Kunden zu kommen. Aber darin sind die Marrokaner wie immer, sehr gut.

Eine übliche Vorgehensweise ist der Besuch von Werkstattbesitzern oder den Mitarbeitern auf Campingplätzen, um dort Kunden zu akquirieren und den „Schaden“ gleich vor Ort in Augenschein zu nehmen.

Eine andere Methode sollte ich noch zu spüren bekommen, denn auch wir hatten einen Schaden zu reparieren. Von anderen Offroadern auf dem Campingplatz und auch aus unserem Reiseführer wusste ich von Ali Nassier in Zagora. Ali hat wohl seinen Kfz-Meister in Frankreich gemacht und hat bei der Rallye Paris Dakar als Mechaniker gearbeitet. Seit es die Rallye (in Marroko) nicht mehr gibt, hat er sich in Zagora selbstständig und einen Namen in der Szene gemacht. Zu ihm wollte ich.

Wie verbiegt man einen Unterfahrschutz am LKW?

Statt bei der Einreise gleich den Unterfahrschutz hinten am Frenchi hochzuklappen (der ist nur in Europa Pflicht), lies ich ihn unten. Als wir am Legzira Arc die Straße auf einen Feldweg verlassen wollten, meinte Gudrun noch „Uih schau mal der Graben, meinst Du das passt mit unserem Böschungswinkel? Ich darauf in gekonnter „Gscheidhaferl-Manier“ (Gscheidhaferl = Besserwisser): „Klar, kein Problem“. Zwei Sekunden später machte es rumms und ich bin mit der rechten Seite des Unterfahrschutzes aufgesessen. Unsere Achslast hinten beträgt knapp 6,5t. Wenn dass dann noch ein bisschen federt, gibt auch der dickste Stahlbalken bzw. dessen Aufhängung nach.

Der Unterfahrschutz sah ein wenig schief aus. OK, dann halt jetzt hochklappen. Die Klappmechanik war aber derart verbogen, dass an ein Hochklappen nicht zu denken war. Da rührt sich nichts. Also Frau und Hund spazieren geschickt und Werkzeug samt Wagenheber ausgepackt. Eine halbe Stunde später war der Unterfahrschutz dank sanfter Gewalt mit dem Wagenheber zwar immer noch schief, aber nun in der oberen Stellung.

Das wollte ich nun Wochen später in Zagora richten lassen, da der Balken so schief war, das er dass rechte Rücklicht halb verdeckte. Also runter mit dem Motorrad und ab nach Zagora.

Bei der Gelegenheit erfuhr ich, welchen Sinn die Abdeckhaube für das Motorrad hat – nämlich gar keinen! Der Sand und Staub, den wir bei unserer Offrad-Tour aufgewirbelt hatten, befand sich nun ausnahmslos auf dem Motorrad.

 

Also erst das Mopped mit einem Wasserschlauch vom gröbsten Schmutz befreit und dann nach Zagora. Gleich am Ortseingang passiert zum ersten Mal, wass sich dann auch  mehrfach wiederholen sollte:

Ich fahre mit dem Mototrrad gemütlich im Ort mit 40, als mich ein frisiertes Mopped mit zwei jungen Marrokanern überholt. Der Fahrer bringt sein Gefährt auf 5cm Abstand heran und hält Abstand und Geschwindigkeit konstant. Der Sozius beginnt mit mir zu quatschen.

„Bonjour! Allemagne? Alles gut?“
OK, Nummernschilder von anderen Motorrädern lesen können die schon mal…“Alles gut, danke und wie geht es Euch?“
„Need repair?“
„no, the bike is fine“
„What about your truck?“
Woher weiß der..? – Ahh ok, der glaubt nicht, dass ich mit der 125er Yamaha von Deutschland hierher in kurzen Hosen gefahren bin – schlaues Kerlchen. „Truck is fine“
„up chmeeren?“
Was meint er denn damit? Ach das ist jetzt wieder Deutsch, er meint „abschmieren“, er will alles ölen und fetten.
„no bike is fine“
„and the truck?“
„truck is fine, thanks“

OK, kurz bevor ich auch abbiegen muss (ich will ja zu Ali), geben die beiden auf und wir wünschen uns gegenseitig alles Gute.

Bei Ali ist schnell ein Termin für den kommen Morgen ausgemacht. Ich frage ihn noch nach einem Schreiner, da wir uns einen kleineren Tisch im Frenchi wünschen. Natürlich hat er einen Freund, der Schreiner ist. Der kommt zum Termin morgen gleich dazu. Ach wie passend.

Also am anderen Morgen hin zu Ali. Ich frage nach dem Preis (in Marroko wichtig, bevor etwas in Anspruch genommen wird). Ali muss erst schauen. Ich habe gelesen, dass Ali günstige (nicht die billigsten) Preise macht, diese aber Festpreise sind. Take it or leave it.

Von da an werkeln drei Jungs gleichzeitig am Frenchi und bauen den Unterfahrschutz ab (damit Ali schauen kann). Als das schwere Ding runter ist, wuchten die das Teil um die Ecke außer Sichtweite. Alis Laden sieht im Vergleich zu den anderen Werkstätten sehr sauber, fast schon edel aus. Aber einen 150kg schweren Unterfahrschutz wieder richten, kann er in seinem Laden sicher nicht. Dazu ist die Werkstatt zu filigran.

Zwischendurch ist der Schreiner da. Ich erkläre ihm (Ali übersetzt), dass ich eine Tischplatte brauche, sage ihm die Maße, Materialstärke und bitte KEINE Farbe oder Klarlack. Ja OK. Ich frage Ali nach dem Preis „Er muss schauen“ meint er.

Die Jungs kommen 20 Minuten später zurück. Ali hat geschaut und der Balken ist wieder gerade… Jetzt bauen die das Teil wieder an und wir testen gemeinsam die Funktion des hoch- und runter klappen. Geht! Eine Schweißnaht ist bei dem gewaltsamen Verbiegen ein wenig aufgegangen. Die ist jetzt noch weiter auf. Also bringen die Jungs ein Schweißgerät und bitten mich, die Bordbatterien am LKW zu trennen, damit die Elektrik keinen Schaden nimmt – vorbildlich.

Der Schreiner ist weg. „Hey Ali, wo ist der Schreiner?“. „Baut Deine Tischplatte, wieso?“. „Was ist mit dem Preis?“ „Wird guter Preis“. Na prima.

Dann wird geschweißt, wieder geprüft und die Klappmechanik auf Vordermann gebracht. Insgesamt haben die drei Jungs zwei Stunden für alles gebraucht. Ali kam immer wieder dazu und hat Anweisungen gegeben.

 

Ach so – „Ali what about the price?“ – „Do you need ‚abschmieren‘?“ Schon wieder ölen und fetten „No, thanks“. „OK“. „Ali, wo ist der Schreiner?“. Ali telefoniert. Der Schreiner bringt die Tischplatte heute Nachmittag um 16 Uhr. Der Leim muss trocknen. Es ist 12:30 Uhr. „OK, Ali was bekommst Du für die Reparatur?“

„Komm heute Nachmittag wenn Deine Tischplatte fertig ist und dann bezahlst Du alles zusammen“.

Gudrun muss schon arg grinsen, als ich mit dem reparierten LKW zurück zum Campingplatz komme, der Tisch noch in Arbeit ist und ich weder weiß, was das Eine oder Andere kostet.

Vorsichtshalber bin ich um 16:30 Uhr zu Ali gefahren. Die Tischplatte war schon da und sieht super aus.

Gekostet hat es 54 Euro für die Reparatur des Unterfahrschutzes (3 Mann, 2 Stunden + Aufsicht durch den Inhaber) und 27 Euro für die Tischplatte. Im Vergleich zur Reparatur fand ich die Tischplatte teuer. Das habe ich ihm auch gesagt. Er hat gegrinst (wahrscheinlich waren 50% davon seine Provision). Ich habe noch 10 Euro drauf gelegt für die 3 Jungs. Ali meinte, die solle ich ihnen direkt geben, was ich auch tat.

Also hatte ich für 90 Euro den LKW repariert und eine gewünschte Tischplatte aus 30mm Kiefernholz auf Maß geleimt und mit runden Kanten geschliffen bekommen.

Leute, wenn Ihr was zu reparieren habt, fahrt nach Marroko. Mit ein wenig Glück könnt Ihr von der Differenz die Reise finanzieren 🙂

Euer Peter

1 Kommentar zu “Zagora – das Mekka der Kfz-Werkstätten

  1. 😉 – nice Story

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